Wenn Gedanken über Tasten gleiten
- 24.05.2025 -
Musikalische Lesung mit dem Pianisten Aeham Ahmad und dem Buchautor Andreas Lukas
Im evangelischen Neckarelz fand eine absolut ungewöhnliche Konzertlesung mit dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad und dem Schriftsteller Andreas Lukas statt, die sicherlich viel mehr Publikum verdienst gehabt hätte. Denn der Abend war unglaublich intensiv und dürfte bei den Zuhörern, die sich trotz des Fußballfinales ins Konzert aufgemacht hatten, einen tiefen Eindruck hinterlassen haben.
Eine Gewisse mediale Berühmtheit hatte Aeham Ahmed bereits vor seiner Flucht aus Syrien erlangt. Damals hatte er auf den zerbombten Straßen und Plätzen seiner Heimatstadt Jarmuk im Süden von Damaskus musiziert, um dort den von Krieg und Terror gezeichneten Menschen Hoffnung zu geben. Er ist 1988 dort geboren und aufgewachsen, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge, und hatte es geschafft, als Musikstudent an der Universität von Homs angenommen zu werden und Klavier zu studieren.
Als 2011 in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, geriet Jarmuk mit seiner kulturell vielfältigen Bevölkerung, in der viele palästinensische Wurzeln hatten, zwischen alle Fronten. Bald sah es dort aus wie heute in Gaza; Einwohner, die nicht fliehen konnten, mussten ohne Strom und Wasser in den Trümmern irgendwie überleben. Vor allem den Kinder, die sich in den damals entstandenen Videos um sein Klavier versammelten und gemeinsam mit ihm sangen, mögen diese Auftritte vielleicht eine Spur von Normalität in ihren belastenden Alltag gebracht haben. Aber man hatte in dieser Zeit ständig Tod und Gewalt vor Augen, konnt jederzeit inhaftiert oder auf offener Straße erschossen werden.
Eigentlich hatt Aeham Ahmad in Jarmuk bleiben wollen, aber nachdem die dort herrschende IS-Miliz sein geliebtes Instrument zerstört hatte und er selbst nur knapp der Verhaftung entgangen war, machte auch er sich im Herbst 2015 auf den gefährlichen Weg über die Balkanroute bis nach Deutschland.
Hier war er durch sein Engagement als "Pianist in den Trümmern" bereits ein wenig bekannt. Sehr bald schon konnte er wieder Konzerte geben (klassisch mit Orchestern und auch mit Jazzbands) und wurde für seine "Music for hope" von der Stadt Bonn mit dem neu geschaffenen "Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden und Freiheit" ausgezeichnet.
In Wiesbaden lernte er den Schriftsteller und Journalisten Dr. Andreas Lukas kennen, mit dem zusammen er seine Erfahrungen in den Büchern "Taxi Damaskus" und "Ankommen...!?" in Buchform herausbrachte. Aus diesen beiden Bänden stammten die Ausschnitte, die Andreas Lukas bei dieser Konzertlesung rezitierte, ergänzt durch Gedichte aus seinen eigenen Lyrikbanden "Sichten" und "Unser blauer Diamant". In "Ankommen" geht es um Aehams persönliche Erfahrung als Flüchtling in Deutschlan, in "Taxi Damaskus" lassen die beiden den syrischen Taxifahrer Ahmed und seine Fahrgäste zu Wort kommen.
Über 100 Konzerte dieser Art haben sie inzwischen schon gemeinsam gegeben. Und jedes von ihnen ist ein Unikat, denn der charismatische Pianist spielt und improvisiert dabei ausschließlich eigene Musik, setzt seine innere Welt in Töne und Klänge am Klavier um. Sein Stil ist individuell und authentisch, lässt sich kaum in bestehnde Genres einordnen. die orientalischen Wurzeln seiner Musik scheinen ganz oft durch, aber auch der Jazz und seine überaus virtuose klassische Technik, die ihm auch beim Improvisieren keinerlei Grenzen setzt. Und genau das will er mit seiner Musik: Grenzen überwinden und Brücken bauen - zwischen Genres und zwischen Menschen.
Die Intensität seines Spiels ist atemberaubend und wirkt besonders berührend, wenn er dazu singt und dem Flügel durch Streichen mit der Hand über die Saiten überraschende Klänge entlockt. Zuweilen mischen sich auch bekannte Motive wie "Die Gedanken sind frei" oder die "Ode an die Freude" hinein, bei denen er das Publikum zum Mitsingen ermutigt. Der Abend erinnert einen daran, wie unbedeutend viele Probleme hierzulande scheinen angesichts dessen, was Menschen wie Aeham Ahmed erlebt haben.
Hoffentlich wird dies nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein, ihn und Andreas Lukas gemeinsam live zu erleben - vielleicht auch noch einmal bei einer weiteren Konzertlesung in Mosbach. Es lohnt sich unbedingt!
© Rhein-Neckar Zeitung, Pia Geimer