Musik und Poesie

- 07.03.2026 - 

Vom Vergessen und Erinnern

Tiefgründig und eher melancholisch – zum Schmunzeln, aber nicht zum Draufloslachen – mit schnellem Sprechtext und pointierter Konnotation – mit Überraschungsmomenten und vollen, teils klagenden Klängen: So präsentierten Leah Weigand und Katharina Stahl ihr Programm „Musik und Poesie – vom Vergessen und Erinnern“. Sie sangen und sprachen vom Leben, von Erlebnissen und Gefühlen, die das Publikum mitnahmen, das teils nur für sie angereist war.

Die Poetry-Slammerin Leah Weigand, die seit 2017 auf Bühnen im deutschsprachigen Raum steht, und mit gesellschaftsnahen, emotional zugespitzten Texten bekannt wurde, leitete ihren Spoken-Word-Part mit einer irrwitzig schnellen Wortkaskade mit scheinbar unsinnigen Bildern ein, um diese dann aufzulösen. Untermalt wurde sie mit Akkorden von Katharina Stahl. Einen Fisch im Sand, ein Leuchtturm im Stadtverkehr oder ein Brunnen im Meer? Was ist richtig, was falsch, was entrinnt den Sinnen lautete die nicht ausgesprochene Frage.
Immer wieder ging es bei Katharina Stahl, der ruhigen, nachdenklichen Musikerin, textlich um Selbstzweifel, um zu viel Kopf und zu wenig Herz. In „Wohin das führt“ verdammte sie sich deshalb zu „Kopf aus, Herz an“. Beide Künstlerinnen näherten sich dem Thema Senioren, indem sie ihren Opa in den Mittelpunkt stellten. Das Lied war ein Tagebucheintrag in der Erinnerung an den Großvater. Bei Weigands Poetry-Text war der Opa der Mann, der immer Zeit hatte, der handwerklich alles konnte und der für das kleine Mädchen mit seinen sie stemmenden Kloßmuskeln Vorbild war. Stahls Text war eine melancholische Erinnerung an den Mann, der in seinem Leben so viel geleistet hatte und dem sie nach seinem Tod ein glückliches, freies Leben in einer neuen Sphäre wünscht.
Angefasst wurde das Publikum von dem scheinbar autobiografischen Poesietext einer dementen Dame, die den Lavendel als Lieblingsblume bezeichnet. Als Kind lernte sie, dass diese getrockneten violetten Blüten mit ihrem Duft Motten vertreibt. Deshalb wurden die duftenden Säckchen zwischen die wollenden Kleider gelegt.
Jetzt sind diese braunen Flattertiere in ihrem Kopf, greifen ihre Hirnsubstanz an, lassen sich nicht vertreiben. Da hilft kein Lavendel. Weigand zeigte hier die Zerrissenheit des Bewusstseins, die innere Stimme, die Verzweiflung, wenn nach unwichtigen Dingen, wie nach Datum und Wochentag gefragt wird, und nicht nach dem, was noch im Kopf ist: die Vergangenheit an die Kindheit oder die Erinnerung an schöne Gerüche. An Lavendel eben.
Dass das Leben ein Zick-Zack-Kurs ist, verdeutlichte Katharina Stahl im Song „Der Weg nach Rom ist nicht geradeaus“. Beide Künstlerinnen nahmen das Publikum auf ihre individuelle Weise ein. Sie traten in Kontakt zu ihren Zuhörern, kommunizierten miteinander und waren nahbar. Diese ganz persönliche Note machte den Auftakt zur Themenwoche Demenz: einerseits heiter, andererseits nachdenklich. Dieser Abend mit ganz viel Input wird nachwirken.