Rechtsextremismus den Boden entziehen - Rede bei „Hand in Hand für Menschenrechte“ in Bad Mergentheim, 2. März 2024, 14.00 Uhr
- 04.03.2024 -
Dr. Kücherer hat als Mitglied des "Netzwerks gegen Rechts Main-Tauber" am Samstag, den 2.3.2024 bei der Demo "Hand in Hand für Menschenrechte" auf dem Marktplatz Bad Mergentheim eine viel beachtete Rede zu "Rechtsextremismus den Boden entziehen" gehalten. Die Rede erfolgte nicht im kirchlichen Dienstauftrag (dafür war Pfarrerin Korn da), stellt aber ein Beispiel politisch-theologischer Praxis im Raum der Zivilgesellschaft dar. Die Rede ist mit einem Kurzkommentar und Literatur zur Vertiefung hier zugänglich:...
Die „Neue Rechte“ umgibt sich gerne mit einer mythischen Aura von Größe. So heißt ein Verlag
der Neuen Rechten: Antaios-Verlag. Antaios ist in der griechischen Mythologie ein Riese, der in
Nordafrika gelebt und alle Fremden überfallen hat. Er galt als unbezwingbar, solange er seine
Kräfte aus der Mutter Erde holt. Der mythische Held Herkules hat das erkannt, hebelt Antaios aus
und erwürgt ihn in der Luft.
Ist schon irre, dass sich die Neue Rechte mit Antaios identifiziert! Als Nordafrikaner stünde Antaios
ja auf der Deportationsliste der Rechtsextremen und wäre als Riese mit Migrationshintergrund
erstes Opfer der sog. „Remigration“.
Wer sich selbst wie die „Neue Rechte“ in Bildern von mythischen Riesen begreift, muss eine riesige
Angst in sich haben. Das ist das Problem der Rechtsextremen: Ihre Logik kommt aus der Angst, sie
schüren Angst und sie zielen auf Angst. Wir aber stehen hier und überwinden Angst mit dem Mut,
sich offen und klar zu einer vielfältigen, freiheitlichen Demokratie zu bekennen. Der Boden, auf
dem wir stehen, ist ein Deutschland mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wir
wollen keinen völkischen Staat. Gebt den Rechten keinen Millimeter eures Denkens, Empfindens
und Handelns preis!
Die Neue Rechte ist kein mythischer Riese! Bei Tageslicht besehen: Die AFD verfügt über keinen
einzigen vernünftigen Politikansatz. Die Neue Rechte ist nicht der Riese Antaios und wir sind auch
nicht Herkules. Wir müssen keine Helden und Heldinnen sein. Wir sind ein Netzwerk der
demokratischen Mitte! Wir entziehen den Rechtsextremen den Boden unter Füßen! Wir überlassen
den öffentlichen Raum nicht der Propaganda und der Agenda der Neuen Rechten!
Vor allem: Wir bekennen uns zu Menschlichkeit. Mensch sein heißt immer mehr als Deutschsein,
heißt immer mehr als hetero, schwul oder trans sein, heißt immer mehr als Jude, Christin oder
Muslim sein, heißt immer mehr als liberal, grün oder konservativ, vegetarisch, vegan oder
Fleischverzehrer sein. Wir sind Menschen: Wir leben und lieben, wir essen und trinken, wir drücken
uns kulturell auf befreiend vielfältige Weise aus und darum sind Menschen aus anderen
Kulturräumen ein Gewinn und kein Verlust für Deutschland!
Dass die demokratische Mitte demonstriert, ist ein wichtiges Zeichen. Aber es wird Zeit, dass sie
sich auch besser organisiert. Wir haben auf dem Weg zu einer offenen, sozial gerechten und
ökologisch nachhaltigen Gesellschaft so viele Aufgaben zu bewältigen, dass wir eigentlich gar
keine Zeit haben, uns der Neuen Rechte zu widmen. Und leicht überfällt uns ein Gefühl von
Überforderung. Aber frage Dich nicht mehr: Was kann ich als Einzelner oder Einzelne tun? Frage
dich: Wem schließe ich mich an? Zu welcher Gruppe oder Bewegung möchte ich gehören, die
liberale Demokratie konstruktiv weiterentwickelt? Und da muss sich keiner zu 100% identifizieren:
einer demokratischen Grundrichtung zustimmen und mitarbeiten, das reicht und das ist jetzt dran!
Ich spreche für das Netzwerk gegen Rechts, das in der Region seit einem Jahrzehnt in der Abwehr
rechter Gefahr engagiert ist. Bitte erlaubt mir, dass ich als Theologe ein Bildwort der Bergpredigt
bemühe, das Bildwort vom Licht und Salz. Ihr seid hier heute ein Licht der liberalen Demokratie,
weithin sichtbar, ein deutliches Zeichen gegen Rechts. Werdet aber auch das Salz einer
demokratischen, offenen Gesellschaft! Durchdringt wie Salz euren Alltag. Schweigt nicht mehr,
wenn rechte Parolen und Stimmungen auftauchen, interveniert, wenn unsere Gesellschaft bei allen
Problemen, die sie hat, kaputt geredet wird. Fangt an, über das jeweilige Lager innerhalb der
demokratischen Parteien hinaus zu denken. Und in allem: Zieht euch nicht mehr ins Private zurück.
Die Zeit ist gekommen, sich in der Zivilgesellschaft zu engagieren und Bündnispartner zu finden.
Gemeinsam machen wir die liberale Demokratie stark und robust. Wir haben den offeneren Geist
als die Rechten, die besseren Ideen als die Rechten und wir haben für Deutschland die besseren
Konzepte als die Rechten!
Und: Wir sind mehr!
Herzlichen Dank!
Dr. Heiner Kücherer, Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber
der Neuen Rechten: Antaios-Verlag. Antaios ist in der griechischen Mythologie ein Riese, der in
Nordafrika gelebt und alle Fremden überfallen hat. Er galt als unbezwingbar, solange er seine
Kräfte aus der Mutter Erde holt. Der mythische Held Herkules hat das erkannt, hebelt Antaios aus
und erwürgt ihn in der Luft.
Ist schon irre, dass sich die Neue Rechte mit Antaios identifiziert! Als Nordafrikaner stünde Antaios
ja auf der Deportationsliste der Rechtsextremen und wäre als Riese mit Migrationshintergrund
erstes Opfer der sog. „Remigration“.
Wer sich selbst wie die „Neue Rechte“ in Bildern von mythischen Riesen begreift, muss eine riesige
Angst in sich haben. Das ist das Problem der Rechtsextremen: Ihre Logik kommt aus der Angst, sie
schüren Angst und sie zielen auf Angst. Wir aber stehen hier und überwinden Angst mit dem Mut,
sich offen und klar zu einer vielfältigen, freiheitlichen Demokratie zu bekennen. Der Boden, auf
dem wir stehen, ist ein Deutschland mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wir
wollen keinen völkischen Staat. Gebt den Rechten keinen Millimeter eures Denkens, Empfindens
und Handelns preis!
Die Neue Rechte ist kein mythischer Riese! Bei Tageslicht besehen: Die AFD verfügt über keinen
einzigen vernünftigen Politikansatz. Die Neue Rechte ist nicht der Riese Antaios und wir sind auch
nicht Herkules. Wir müssen keine Helden und Heldinnen sein. Wir sind ein Netzwerk der
demokratischen Mitte! Wir entziehen den Rechtsextremen den Boden unter Füßen! Wir überlassen
den öffentlichen Raum nicht der Propaganda und der Agenda der Neuen Rechten!
Vor allem: Wir bekennen uns zu Menschlichkeit. Mensch sein heißt immer mehr als Deutschsein,
heißt immer mehr als hetero, schwul oder trans sein, heißt immer mehr als Jude, Christin oder
Muslim sein, heißt immer mehr als liberal, grün oder konservativ, vegetarisch, vegan oder
Fleischverzehrer sein. Wir sind Menschen: Wir leben und lieben, wir essen und trinken, wir drücken
uns kulturell auf befreiend vielfältige Weise aus und darum sind Menschen aus anderen
Kulturräumen ein Gewinn und kein Verlust für Deutschland!
Dass die demokratische Mitte demonstriert, ist ein wichtiges Zeichen. Aber es wird Zeit, dass sie
sich auch besser organisiert. Wir haben auf dem Weg zu einer offenen, sozial gerechten und
ökologisch nachhaltigen Gesellschaft so viele Aufgaben zu bewältigen, dass wir eigentlich gar
keine Zeit haben, uns der Neuen Rechte zu widmen. Und leicht überfällt uns ein Gefühl von
Überforderung. Aber frage Dich nicht mehr: Was kann ich als Einzelner oder Einzelne tun? Frage
dich: Wem schließe ich mich an? Zu welcher Gruppe oder Bewegung möchte ich gehören, die
liberale Demokratie konstruktiv weiterentwickelt? Und da muss sich keiner zu 100% identifizieren:
einer demokratischen Grundrichtung zustimmen und mitarbeiten, das reicht und das ist jetzt dran!
Ich spreche für das Netzwerk gegen Rechts, das in der Region seit einem Jahrzehnt in der Abwehr
rechter Gefahr engagiert ist. Bitte erlaubt mir, dass ich als Theologe ein Bildwort der Bergpredigt
bemühe, das Bildwort vom Licht und Salz. Ihr seid hier heute ein Licht der liberalen Demokratie,
weithin sichtbar, ein deutliches Zeichen gegen Rechts. Werdet aber auch das Salz einer
demokratischen, offenen Gesellschaft! Durchdringt wie Salz euren Alltag. Schweigt nicht mehr,
wenn rechte Parolen und Stimmungen auftauchen, interveniert, wenn unsere Gesellschaft bei allen
Problemen, die sie hat, kaputt geredet wird. Fangt an, über das jeweilige Lager innerhalb der
demokratischen Parteien hinaus zu denken. Und in allem: Zieht euch nicht mehr ins Private zurück.
Die Zeit ist gekommen, sich in der Zivilgesellschaft zu engagieren und Bündnispartner zu finden.
Gemeinsam machen wir die liberale Demokratie stark und robust. Wir haben den offeneren Geist
als die Rechten, die besseren Ideen als die Rechten und wir haben für Deutschland die besseren
Konzepte als die Rechten!
Und: Wir sind mehr!
Herzlichen Dank!
Dr. Heiner Kücherer, Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber
Kurzkommentar zur Vertiefung:
1) Die Rede basiert auf einer politisch-theologischen Mythenkritik. Mythen haben symbolische
Kraft und erschließen Energien. So auch der Antaios-Mythos. Die narzisstische
Größenphantasie (der grandiose Anteil von Narzissmus), die in einer Identifikation mit
Antaios bzw. Herkules zu spüren ist, korreliert mit einem Gefühl von Minderwertigkeit (der
fragile Anteil von Narzissmus). Das ist im Diskurs mit der „Neuen Rechten“ zu beachten:
Propaganda und Agenda der „Neuen Rechte“ wurzeln in einem Verlustgefühl bzw. einer
Verlustangst – letztlich in einem in der Tiefe vulnerablen, fragilen Selbst. Die notwendige
kritische Differenzierung (Mythenkritik) benötigt dann aber auch heilsame Integration:
Darum ist es wichtig, die Nähe zu „Boden“, „Deutschland“, „Ordnung“ und „Robustheit“
in eine offene, freiheitlich-demokratische Identität zu integrieren.
2) Es wird bei Aktionen von Bündnissen „gegen Rechts“ von Teilen der CDU die Kritik laut,
dass nicht von „rechts“, sondern immer von „rechtsextrem“ gesprochen werden sollte. In
der Rede ist „rechts“ bzw. „die Rechten“ im Kontext klar definiert: Es handelt sich um
parlamentarische wie außerparlamentarische Kräfte, die völkisch-nationalistische bzw.
identitäre Ziele verfolgen. Das ist zu unterscheiden von (rechts)konservativen Kräften, die
im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bleiben.
Literatur:
Johann Hinrich Claussen u.a., Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik,
Tübingen 2021
Matthias Quent, 33 Fragen-33 Antworten. Rechtsextremismus, München 2020
Peter R. Neumann, Logik der Angst. Die rechtsextreme Gefahr und ihre Wurzeln, Berlin 2023
Tübingen 2021
Matthias Quent, 33 Fragen-33 Antworten. Rechtsextremismus, München 2020
Peter R. Neumann, Logik der Angst. Die rechtsextreme Gefahr und ihre Wurzeln, Berlin 2023
