Demenz kann Türen öffnen

- 07.03.2024 - 

Sophie Rosentreter macht pflegenden Angehörigen Mut und gibt Tipps zum Umgang mit demenziell veränderten Menschen

Oma Ilse hat sie gelehrt und lernen lassen. Die Demenz der Großmutter war Schlüssel für Sophie Rosentreter, sich als junge Frau mit dem Thema zu befassen, das sie seither nicht mehr loslässt. Ihre eigenen Erfahrungen teilt sie mit anderen.

Frau Rosentreter besucht die Umpfertalschule Boxberg und spricht mit 150 Schülerinnen und Schülern.
Frau Rosentreter besucht die Umpfertalschule Boxberg und spricht mit 150 Schülerinnen und Schülern.
Frau Rosentreter besucht die Umpfertalschule Boxberg und spricht mit 150 Schülerinnen und Schülern.
Frau Rosentreter besucht die Umpfertalschule Boxberg und spricht mit 150 Schülerinnen und Schülern.
Vor dem Vortrag können an Stationen von "Hands on Dementia" Alltagssituationen ausprobiert werden, wie sie ein demenziell veränderter Mensch erleben könnte.
Vor dem Vortrag können an Stationen von "Hands on Dementia" Alltagssituationen ausprobiert werden, wie sie ein demenziell veränderter Mensch erleben könnte.
Vor dem Vortrag können an Stationen von "Hands on Dementia" Alltagssituationen ausprobiert werden, wie sie ein demenziell veränderter Mensch erleben könnte.
Letzte Abstimmungen vor dem Vortrag.
Das Team vom Förderkreis Kulturkirche sorgt für das Catering
Eines stellte Sophie Rosentreter gleich zu Beginn ihres Vortrags am Dienstag im Gründerzentrum klar: Sie benutzt nicht den Begriff demenziell erkrankt, sondern spricht von demenziell verändert. Schließlich handelt es sich um ein und dieselbe Person, die irgendwann merkwürdige Dinge tut, weil die Krankheit sie verändert. So wie ihre Oma Ilse, eine begnadete Köchin über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg. Statt mit Zucker hatte sie den geliebten Grießbrei der Enkelin mit Salz gewürzt. Für Rosentreter war dies im Nachhinein das erste Zeichen, mit dem sich die Demenz offenbarte.
Die Demenz ihrer Großmutter schritt voran. Im Winter zog sie Sommerkleider an, sie vergaß Termine und Namen, fand sich in ihrer Umgebung nicht mehr zurecht, sobald sich eine Kleinigkeit veränderte. Die Familie, vor allem die pflegende Tochter – Sophie Rosentreters Mutter – hielten ihr den Spiegel vor. „Denk’ doch mal nach“, sagten sie. „Das konntest du doch immer so gut“, warfen sie ihr vor oder stellten unverblümt, weil hilflos, fest: „Mit dir stimmt etwas nicht“.
Als die Familie irgendwann nicht mehr konnte, weil auch der Tag-Nacht-Rhythmus umgekehrt wurde, brachten sie die Mutter und Oma ins Heim. „Das war das Schlimmste, denn wir hatten das Gefühl, wir haben versagt“, berichtete Sophie Rosentreter den rund 150 Zuhörenden. Viele nickten bei ihren Ausführungen, hörten gebannt zu.
Das Thema Demenz, das wurde deutlich, beschäftigt viele Menschen. Sie kennen die Probleme, die Unsicherheit im Umgang, Selbstvorwürfe und ständige Überforderung. „Über 70 Prozent demenziell veränderter Menschen in Deutschland werden zu Hause gepflegt, gerade einmal ein Drittel von ihnen nimmt Hilfe an“, beklagte die Referentin.
Sie appellierte dringend: „Kümmern Sie sich um sich, holen sie sich Hilfe.“ Als sie ihre Großmutter das erste Mal im Heim besucht habe, hätte sie sich in eine „Zombiewelt“ versetzt gefühlt, blickte sie auf diese für sie eigenartige Welt zurück. Doch sie differenziert. Es gebe natürlich Personal, das Menschen mit demenzieller Veränderung nur als „Schätzchen“ oder „Liebchen“ anredete, weil es zu träge sei, um sich die Namen zu merken. Diese „Von-Oben-Herab-Behandlung“ schätze sie nicht, so die Referentin. Es gebe aber auch diejenigen, die ihren Schutzbefohlenen auf Augenhöhe begegneten, was der richtige und respektvolle Umgang sei.
Rosentreter beschrieb Menschen mit Demenz als „Experten der Gefühle“. Demenz könne Türen jenseits des Verstandes öffnen. Demenz-Experte Erich Schützendorf nenne die Welt der Demenz „Anderland“, erläuterte sie und meinte, dass Menschen mit demenzieller Veränderung nicht in die rationale Welt zurückgeholt werden könnten, sondern Angehörige und Pflegende mit ihnen in ihr Land der Poesie, des Zaubers und der Gefühle reisen müssten. Dabei gelte es, in der Mimik und Gestik zu lesen.
Die Referentin erläuterte, wie sich demenziell veränderte Menschen fühlten und sprach von großer Verunsicherung, die teilweise in Verzweiflung münde, wenn eigentlich Selbstverständliches nicht mehr funktioniere, weil schlichtweg vergessen wurde, warum und wofür zum Beispiel eine Gabel benutzt wird. Sie riet, Nähe anstelle eines langen, erklärenden Monologs anzubieten. „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse“, so Rosentreter. Vielmehr empfahl sie, Tätigkeiten, wie etwa das Benutzen der Gabel, vorzumachen. Dinge jemandem einfach abzunehmen, weil das schneller gehe, sei keine Lösung. Nicht selten fühle sich das Gegenüber dann entmündigt und empfinde Scham. Es gelte, das Gefühl der Betroffenen wahrzunehmen, es zu spiegeln und wertschätzend zu reagieren.
Sie ging auch auf das Wohnumfeld ein und zeigte anhand eines Beispiels in einem Heim, was gar nicht gut sei: Um eine Tür zu verbergen, wurde dort eine Tapete mit dem Foto eines Bücherregals aufgeklebt. Das Resultat: Auf der Tapete seien Kratzspuren zu erkennen, weil die Bewohner immer wieder versucht hätten, ein Buch aus dem vermeintlichen Regal zu nehmen. Besser, so Rosentreter, sei es, einfach einen Vorhang zu nehmen.
Weiter empfahl sie, Toilettensitze mit einer farbigen Brille mit Ausnahme von knalligem Signalrot auszustatten, wenn demenziell veränderte Menschen im komplett weißen Badezimmer die Toilette nicht erkennen und dann den Schirmständer für ihr Geschäft benutzten. Auch spiegelnde Flächen seien problematisch. Wenn sich jemand wie 20 fühle und dann plötzlich einen alten Menschen als Gegenüber sehe, könne das mehr als Irritationen auslösen. Auch Piktogramme an Schränken, Schubladen und Türen könnten zur Orientierung beitragen, farbige Gläser das Greifen des Trinkbehälters erleichtern, weil Durchsichtiges schwer erkannt werde.
Abschließend wies Sophie Rosentreter auf anregende Angebote für Menschen mit Demenz und pflegende Angehörige hin, die teilweise auch online zur Verfügung stünden. Sie berichtete von Plattformen wie Reisemaulwurf, Yoga für Pflegende oder Sport- und Kunstangebote, von einem Hundebesuchsdienst oder der Gruppe „Klang und Leben“ für stationäre Einrichtungen, die Rambazamba in Heime bringe. Klar appellierte sie, dass Selbstfürsorge vor der Pflege rangiere.
„Nicht die Demenz nimmt die Würde, sondern unsere Reaktion“, meinte die Demenz-Aktivistin. Sie animierte deshalb dazu, die Krankheit in der Nachbarschaft sichtbar zu machen, weil dann das Versteckspiel aufhöre und Erleichterung einsetze.
Alexander Kirchhoff, Leiter der mitveranstaltenden Evangelischen Erwachsenenbildung Odenwald-Tauber, freute sich über die große Resonanz und versprach, das Thema, das so viele Menschen betreffe und beschäftige, auch nach Abschluss der Veranstaltungsreihe weiter zu verfolgen. Die Mehrzahl der Interessierten am Dienstag waren übrigens Frauen, was belegt, dass die Care-Aufgaben nach wie vor überwiegend vom weiblichen Geschlecht ausgeführt werden.