Emotionale Zuwendung und keine Bevormundung bei Demenz

- 26.03.2024 - 

Mit seinem Vortrag „Volkskrankheit Demenz“ betrachtete Dr. Friedrich Frieß das Thema aus medizinischer Sicht

Eigentlich hätte der Ärztliche Direktor Dr. Mathias Jähnel den Vortrag halten soll. Weil er verhindert war, übernahm seinen Part sein langjähriger Mitstreiter Dr. Friedrich Frieß, Leitender Oberarzt am Krankenhaus vor Ort. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Geriatrie und Suchtmedizin orientierte sich an Jähnels Konzept, brachte seine Erfahrungen ein und gab Tipps. Wieder waren weit mehr als 100 Interessierte ins Gemeindehaus St. Bonifatius gekommen, was zeigte, wie viele Menschen sich mit dem Thema konfrontiert sehen.

„Im Regelfall betrifft Demenz ältere Menschen“, erläuterte Frieß anhand einer Grafik. Und weil die Bevölkerungspyramide kippe und die Menschen immer älter werden, steige auch die Zahl der durch Demenz veränderten Personen. Es gebe allerdings auch Ausnahmefälle. „Meine jüngste Patientin war 21 Jahre alt und ist längst verstorben“, führte er aus. Er hatte aber auch eine beruhigende Nachricht: „Man kann Betroffenen helfen und in vielen Fällen vorbeugend etwas tun.“
Bei Demenz ist das Gedächtnis betroffen. Als erstes zeige sich die Krankheit beim Kurzzeitgedächtnis, später auch beim Langzeitgedächtnis. Es werde weitschweifig formuliert, das Rechnen falle schwerer, die Fähigkeit, sich Neues zu merken, nehme ab, der Wortschatz verändere sich und das Urteilsvermögen sei gemindert, was sich zum Beispiel am Unverständnis zeige, das eigene Auto nicht mehr fahren zu können.
Aber wie stellt ein Arzt eine Demenz überhaupt fest? Frieß berichtete von standardisierten Tests und medizinischen Untersuchungen, die verwendet werden, und meinte: „Wir dürfen die Diagnose Demenz erst stellen, wenn die Symptome seit sechs Monaten nachweisbar sind.“ Liege ein schwerer Infekt vor, der auch eine Bewusstseinsveränderung hervorrufen könne, dürfe die Diagnose Demenz nicht gestellt werden. Gleiches gelte nach einer schweren Operation. Auch EKG, teilweise EEG, CCT oder MRT sollten bei einem Verdacht auf Demenz eingesetzt werden.
Frieß beschrieb unterschiedliche Ausprägungen der Krankheit, wobei häufig Mischformen vorkämen. Ursachen könnten auch chronische Erkrankungen wie HIV, langjährige Dialyse oder aber genetische Faktoren sein. „Alle werden dement, nur werden sie es zum großen Teil nicht mehr erleben“, so Frieß. Der Hauptanteil der Menschen mit Demenz liege im Alter zwischen 75 und 80 Jahren, ab 80 Jahren sei jeder fünfte, ab 90 jeder dritte Mensch betroffen.
Von einer Volkskrankheit könne man sprechen, weil es allein in Deutschland ungefähr zwei Millionen Betroffene gibt. Gehirnzellen gehen verloren – schrumpeln – und der Austausch zwischen den Zellen funktioniere durch pathologische Eiweißablagerungen nicht mehr, erläuterte der Arzt. Gründe könnten ein Schädel-Hirn-Trauma, Drogen, Alkohol, Boxen ohne Kopfschutz sein. Auch Migräne nannte er als Risikofaktor.
Der Leitende Oberarzt beschrieb die zwei Phasen des Krankheitsverlaufs. Kleine Beeinträchtigungen, wie fehlende Erinnerung, wo etwas ist, würden zunächst bagatellisiert, Sätze und Tätigkeiten wiederholt, Namen von Dingen, die eigentlich immer Herzenssache waren, wie die Lieblingsblume, vergessen. In der zweiten Phase sei eine selbstständige Lebensführung kaum noch möglich. Dann werden Namen von Familienmitgliedern verwechselt, das Zimmer in der eigenen Wohnung nicht mehr gefunden. Es kommt zu Sinnestäuschungen und häufig zu Ruhelosigkeit. Zudem geht das Zeitgefühl – auch was die Jahrzehnte angeht – verloren, so dass eine ältere Dame der Meinung sein könne, für die Kinder, die aus der Schule kommen, kochen zu müssen.
Im letzten Stadium dieser Phase würden Familienmitglieder nicht mehr erkannt, es komme zu Problemen beim Essen und oft auch beim Schlucken, zu Harn- und Stuhlinkontinenz und zu Krampfanfällen. Letztlich folge auf die Bettlägerigkeit der Tod. „Bitte lassen Sie keine Nasen- oder Magensonde legen“, appellierte Dr. Friedrich Frieß an die Zuhörenden. „Das bringt nichts.“ Vielmehr sollten Angehörige und Pflegende schauen, was gehe und was eben nicht.
Präventiv riet er zu mit Bewegung kombiniertem Gedächtnistraining, zu immerwährender Lernbereitschaft und Offenheit gegenüber Neuem, zu gesundem Leben und gesunder Ernährung. „Wer sich nicht bewegt, hat ein höheres Demenzrisiko“, so Frieß. Er riet auch dazu, den Cholesterinwert und den Blutdruck im Blick zu haben und nicht zu rauchen.
Der Arzt informierte über medikamentöse Behandlungen nach dem Motto: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Er setze auf möglichst nebenwirkungsarme Medikamente und beachte die Wechselwirkungen mit anderen Pillen. „Durch eine fachgerechte Behandlung können die Krankheitsbeschwerden erheblich gelindert werden“, ist er allerdings überzeugt.
Angehörigen und Pflegenden riet er, mit Demenzkranken normal umzugehen, ihnen keine Vorwürfe zu machen, eine schöne Atmosphäre zu schaffen, sie nicht zu überfordern, sondern ihnen kleine Aufgaben, die bewältigbar sind, zu geben und auch Teilleistungen zu loben. Auch hier zählt für ihn die Devise: „So viel Selbstständigkeit wie möglich, so viel Kontrolle wie nötig.“
Durch Demenz veränderte Personen gelte es, auf der Gefühlsebene anzusprechen. „Sie bekommen noch eine Menge mit“, weiß Frieß. Emotionale Zuwendung sei enorm wichtig, berichtete er aus eigener Erfahrung. Er empfahl zudem, den Tag überschaubar zu strukturieren, Gedächtnishilfen wie Zettel an Schränken oder Türen anzubringen, für eine schöne Lichtgestaltung zu sorgen und Gefahrenquellen wie Läufer wegzuräumen. Außerdem sollte mit und nicht über den demenziell veränderten Menschen gesprochen werden.
Mit dem Vortrag von Dr. Friedrich Frieß endete die überaus gut besuchte dreiteilige Veranstaltungsreihe zur Demenz. Die Verantwortlichen der evangelischen und katholischen Erwachsenenbildungseinrichtungen, von Diakonie und Caritas hatten das Ziel, das Thema aus der Tabu-Ecke zu holen. Dass ihnen das geglückt ist, zeigt die riesige Resonanz auf ihr Angebot, die den Bedarf nach Information zeigt.