Rechte Parolen schwingen ist einfach – sich ihnen entgegenzustellen schwer

- 17.04.2024 - 

Evangelische Erwachsenenbildung Odenwald-Tauber veranstaltete Workshops zum Umgang mit braunen Sprüchen

Odenwald/Tauber. „Asylbewerber bekommen alles in den Hintern gestopft und Bürgergeldempfänger erhalten mehr als jemand, der 40 Stunden in der Woche arbeitet.“ So lauten Stammtischparolen. Wie ihnen begegnet werden kann, war Workshop-Thema.

Differenziert diskutieren möchte eine Teilnehmerin und beklagt, dass die Sachlichkeit immer mehr verloren gehe. Ein anderer weiß schlichtweg nicht, wie er auf rechte Parolen reagieren soll, wieder ein anderer berichtet, er sei bei teils skurrilen Argumenten so perplex, dass ihm erst hinterher einfalle, wie er hätte reagieren sollen. Eine weitere Teilnehmerin kennt ausländerfeindliche oder demokratieverneinende Formulierungen aus der eigenen Familie, teilt sie selbst nicht und kämpft sehr damit. Wieder andere haben sich von Freunden oder Familienmitgliedern distanziert.
Es ist eine bunt gemischte Runde, die sich vom Workshop „Argumentationsschulung gegen rechte Parolen“ der Evangelischen Erwachsenenbildung Adelsheim-Boxberg angesprochen gefühlt hat. In Wertheim und Osterburken fanden die jeweils dreistündigen Termine statt. Magdalene Leytz, Referentin für Demokratiebildung bei der Badischen Landeskirche, und Pia Stiegler, Bildungsreferentin beim Katholischen Bildungswerk Freiburg, leiteten die Kurse.
„Stammtischparolen sind Mut-Macher und Wut-Macher zugleich“, erläuterte Stiegler. Sie stehen für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die sich durch Verallgemeinerungen oder falsche Behauptungen gegenseitig Mut macht und dabei Wut schürt. Es seien Menschen, die sich von Parteien und der Politik nicht gesehen fühlten, sich für benachteiligt hielten und der Meinung seien, dass sie von der Regierung enteignet würden.
„Der ländliche Raum ist seit der Pandemie keine Komfortzone mehr“, mahnte Dr. Heiner Kücherer vor einem Bild der heilen Welt in ländlicher Idylle. Auch hier hätten sich Pegida-Gruppen zu montäglichen Demonstrationen getroffen. Ein Rollenspiel bildete nach einleitenden Worten den Auftakt. In vier wechselnden Paarungen übernahm einer die rechten Parolen, während der andere dagegen argumentieren sollte. Fazit: Es ist leichter, rechte Parolen zu schwingen, als ihnen mit faktenbasierten Gegenargumenten zu begegnen.
Ein Beispiel: „Erst zocken sie das Sozialamt ab und dann bauen sie eine Moschee. Wegen der Überfremdung trauen sich unsere Frauen nicht mehr raus. Die Altparteien und die Multikulti-Fans verurteilen es, wenn jemand mal AfD wählt und wollen uns dann erzählen, was Toleranz ist.“ Ein solches Themenhopping kann verwirren, Reaktionsunfähigkeit hervorrufen oder vom eigentlichen Thema ablenken und so eine sachorientierte Auseinandersetzung verhindern. Auch beim Argumentationsmuster, warum linksextreme Gewalt bei eben diesem Thema mit keinem Wort erwähnt werde, sei letztlich eine Relativierung der zuvor gemachten Aussage und lenke vom Thema weg.
Hilfreich sei es, bei Diskussionen Regeln, wie sich gegenseitig aussprechen zu lassen, zu vereinbaren. Zudem könne gezielt nach Beispielen für Behauptungen gefragt oder sie eingefordert werden, um den Sachverhalt zu untermauern. Außerdem sollte der Gegenargumentierer drei Fakten präsentieren können, ohne oberlehrerhaft zu wirken.
„Jeder will ernst genommen werden“, so Magdalene Leytz, die riet, auf das Gegenüber einen Schritt zuzugehen. Sie sagte aber auch: „Es macht nicht immer Sinn, zu diskutieren. Das kostet Kraft. Wichtig sei deshalb, Grenzen zum Selbstschutz zu setzen, wenn jemand beleidigend oder persönlich wird.“
Pia Stiegler grenzte den Demokratie ablehnenden, völkisch national ausgerichteten Rechtsextremismus mit seiner Affinität zu diktatorischen Strukturen von rechtspopulistischen Politikstil ab. Letzterer stelle Pseudozusammenhänge her, spiele soziale Gruppen gegeneinander aus und agiere als Vertreter des einfachen Volks gegen „die da oben“ oder „die da außen“.
Sie erläuterte, wie das rechte Argumentationsmuster verlaufe: Fakten leugnen oder aus dem Zusammenhang reißen. Unliebsame Informationen würden als „fake news“ abgewertet und der Wissenschaftlichkeit durch Verweis auf die Meinungsfreiheit eine Absage erteilt. Studien, Statistiken oder falsche Zahlen lassen rassistische Behauptungen als wahr erscheinen, ohne dass sie sofort entkräftet werden können.
Menschen, die rechte Parolen verkünden, inszenierten sich häufig als Opfer, präsentierten einfache Lösungen für komplexe Probleme und stellten sich als „Kümmerer“ für Anliegen der kleinen Leute dar.
Pia Stiegler riet, die Kontrolle über ein Thema zu behalten ohne konfrontativ zu sein, einen Perspektivwechsel anzuregen und Empathie für die Situation anderer Menschen einzufordern. Auch Beispiele aus eigener Erfahrung könnten einen Zugang zur Sachebene ermöglichen. Ist jemand aufgebracht, sollte nachgefragt werden, warum das so ist.
Durchweg zufrieden waren die Teilnehmenden mit diesen komplexen Informationen. In einer zweiten Rollenspielrunde wählten sie Werkzeuge, um rechten Parolen Paroli zu bieten. Das klappte schon wesentlich besser als zu Beginn des Workshops.
Die Abschlussrunde zeigte, wie wichtig es den Teilnehmenden ist, sich für Demokratie und gegen Hetze und Ausländerfeindlichkeit einzusetzen. „Gerade vor den Wahlen am 9. Juni wünsche ich mir sachliche Auseinandersetzungen und keine plumpen Parolen“, nannte eine Teilnehmerin ihr Bedürfnis nach echten Fakten.
 
Ansprechpartner

Heiner Kücherer

Quelle: Quelle: Dr. Heiner Kücherer

Bildungsreferent